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100% Ibiza

Ein Versuch von Guillermo Fernandez Oriol 

Guillermo @ home ©AR2025

Inhaltsverzeichnis

Ein Leben zwischen zwei Welten: Wenn alte Möbel Geschichten erzählen

In San Carlos, versteckt in einer der zauberhaften Ecken Ibizas, führt ein Paar ein Leben, das man leicht als Paralleluniversum bezeichnen könnte. Er lebt seit fast 50 Jahren auf der Insel – eine Zeitspanne, in der sich vieles verändert hat, doch das Wesentliche ist geblieben.

Er kam 1978 als Systemingenieur von IBM. Was als klassische Karriere begann, entwickelte sich zu einer völlig anderen Lebensphilosophie. Heute handelt er mit Holz, Möbeln und allem, was die Insel hergibt – Dinge, die die Leute nicht mehr wollen, weil sie sich neue leisten können. „Wir geben den Dingen ein zweites, drittes, manchmal sogar viertes Leben“, erklärt er lächelnd. Manche Objekte verkauft er mehrmals: Die Leute bringen sie zurück, er verkauft sie wieder, und jedes Mal erzählt das Stück eine neue Geschichte.

Sein Geschäft ist mehr als nur ein Gebrauchtwarenladen. Es ist ein Treffpunkt der Kulturen, ein Spiegelbild dessen, was Ibiza seit 4.000 Jahren verkörpert: der Schmelztiegel verschiedener Völker und Gesellschaftsschichten. An einem einzigen Tag empfängt er Menschen aus zehn verschiedenen Nationen – vom Marokkaner auf der Suche nach einem gebrauchten Fahrrad über Ukrainer, die für russische Arbeitgeber arbeiten und Holz für ihre Kamine benötigen, bis hin zu wohlhabenden Bewohnern. „Das ist der wahre Schatz der Insel“, sagt er. „Diese Mischung aus Arm und Reich, aus verschiedenen Ethnien und Kulturen.“

Die Transformation eines Systemingenieurs

Der Weg hierher war nicht einfach. Nach seiner Ankunft 1978 arbeitete er zunächst für Abel Matutes, einen der bedeutendsten Unternehmer der Insel. Doch nach drei oder vier Monaten traf er eine mutige Entscheidung: Er kündigte und wagte den Sprung ins Ungewisse. „Ich wusste nicht, was passieren würde“, erinnert er sich. Es folgten finanzielle Schwierigkeiten – Geld war damals wichtig. Doch dann kam die zündende Idee: Holz von verschiedenen Orten sammeln, liefern und direkt verkaufen. „Das war wirklich eine gute Idee, muss ich zugeben“, sagt er mit einem Anflug von Selbstironie.

Mitte der 90er-Jahre wagte er ein neues Abenteuer: Mode aus Bali für Pariser Boutiquen. „Die Modewelt ist sehr komplex“, sagt er nachdenklich. Das Projekt endete im finanziellen Desaster; er ging mehrmals bankrott. Doch er rappelte sich wieder auf, machte allein weiter – und heute läuft das Geschäft hervorragend. Die Insel habe ihm den Weg gezeigt, wie er es ausdrückt. „Das Leben zeigt dir den Weg, wenn du nur hinschaust.“

Wenn die Insel zu deinem Lehrer wird

„Folge den Zeichen“ – dieser Satz, den er vor Jahren einem Bekannten mitgab, ist zu seinem Lebensmotto geworden. Für ihn ist Ibiza ein unglaublich sensibler Ort, der einen leitet, wenn man bereit ist, zuzuhören. Vor einem Jahr heiratete er seine Frau Sophie, und gemeinsam entwickeln sie sich weiter. Ihre gemeinsamen Aktivitäten drehen sich um Bäume, Wälder und den Schutz der Insel.

Erstaunlicherweise war er jahrzehntelang nie am Strand. Erst durch Sophie entdeckte er diese Seite Ibizas. Heute genießt er es, dass sie in nur fünf Minuten an einem einsamen, wunderschönen Strand sein können. „Manchmal denke ich: Wie konnte ich so viele Jahre ohne Strand leben? Aber wissen Sie, so ist das eben mit der Entwicklung.“

Die Insel im Wandel – und doch unverändert

Viele glauben, Ibiza habe sich dramatisch verändert. Von März bis Oktober strömen acht Millionen Besucher auf die Insel – acht Millionen! „So wie früher kann es nicht mehr sein“, gibt er zu. Die Musik, die Drogen, die Menschen – alles hat sich verändert. Doch die Insel selbst bleibt ein ganz besonderer Ort. Sie bietet so viele magische Plätze, die man das ganze Jahr über besuchen kann, wo man sich inmitten der Natur und des Meeres ganz allein fühlen kann.

Die Zeiten, in denen er die Tür seines alten Landhauses offen lassen konnte, sind vorbei. Zwanzig Jahre lang lebte er so, doch bei acht Millionen Besuchern gibt es zwangsläufig auch Menschen mit bösen Absichten. „Sie müssen für ihr eigenes Karma kämpfen und sich auf andere Weise weiterentwickeln als wir“, sagt er mit einer Mischung aus Pragmatismus und Mitgefühl. „Das müssen wir akzeptieren und all diesen Menschen viel Liebe und Mitgefühl entgegenbringen.“

Seine Fähigkeit, Menschen einzuschätzen, hat sich über die Jahre verfeinert. Früher konnte er sich mit jedem auf jeder Ebene verständigen. Heute spürt er schnell, wenn etwas nicht stimmt – dann zieht er sich höflich zurück und lässt die Leute ihren Weg gehen. „Es ist sehr wichtig zu wissen, wer zu einem gehört“, sagt er weise.

In seinem Laden in San Carlos, zwischen alten Möbeln und Holzstapeln, zwischen Geschichten und Begegnungen, lebt er ein Leben, das beweist: Ibiza ist nicht nur ein Ort für Partys und Sommer. Es ist ein Ort der Transformation, der zweiten Chancen – für Menschen wie für Dinge.

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