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Francisco Romero Juan, allen einfach als „Paco Valentín“ bekannt, wurde am 10. März 1946 auf Ibiza geboren. In wenigen Tagen wird er 80 Jahre alt – ein Mann, der nicht nur fast acht Jahrzehnte Inselgeschichte miterlebt, sondern sie auch mitgestaltet hat.
„Früher war Ibiza sehr ruhig“, erinnert sich Paco. „Die Menschen waren freundlicher, respektvoller. Nicht unbedingt gebildeter, aber respektvoller.“ Morgens grüßte man sich mit „Buenos días“, auf der Straße blieb man stehen und unterhielt sich. „Heute geht jeder einfach vorbei“, sagt er mit einem Anflug von Wehmut. „Auf dem Land ist es noch anders, dort sind die Menschen noch wie früher. Aber in der Stadt …“
Das Geschäft ohne Computer
Jahrelang arbeitete Paco in der Autovermietung – ein Geschäft, das er ohne Computer und Telefone, nur mit seinem Verstand, führte. „Ich wusste, ich musste vier Autos ausliefern. Ich notierte mir den Namen, die Zimmernummer im Hotel, und der Kunde wartete auf mich. Abends holten wir die Fahrzeuge wieder ab. Alles im Kopf.“
Die Touristen damals – Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener – blieben sieben, vierzehn Tage, manchmal auch länger. „Ich hatte Kunden, die jedes Jahr wiederkamen. Wir waren fast wie eine Familie. Sie fragten immer nach meinen Eltern, wie es allen ging. Es war persönlicher, nicht wie heute: Auto nehmen, bezahlen, tschüss.“
Heute ist alles anders. Touristen bleiben zwei, drei, höchstens vier Nächte. „Mehr Gäste, mehr Arbeit“, erklärt Paco. „Früher hatte man eine Woche Zeit, bevor man das Auto wiedersah. Heute muss man jeden Tag putzen, vorbereiten und ausliefern. Mehr Stress. Aber“, fügt er lächelnd hinzu, „die jungen Leute sind da, wir alle sind da, um den Gästen einen guten Service zu bieten. So fahren sie zufrieden nach Hause und kommen wieder.“
Auch heute noch arbeitet Paco – mit Bleistift und Radiergummi. „Wenn ich einen Fehler mache, kann ich ihn einfach ausradieren. Ich mag es nicht, Dinge durchzustreichen“, erklärt er und zeigt stolz seine kleinen Notizblöcke. „Der Chef kann alles am Computer erledigen. Aber mit dem Bleistift bin ich schneller!“
Die Nächte in Mar Blau
In seiner Jugend war Paco ein leidenschaftlicher Tänzer. Sein zweites Zuhause war das Mar Blau, ein berühmter Nachtclub in der Nähe der Windmühlen – heute kennt man den Ort eher wegen des darüberliegenden Hostels, aber unten befand sich dieser legendäre Club.
„Das war mein zweites Zuhause“, schwärmt Paco. „Jeden Abend gingen wir tanzen. Wir waren eine Gruppe von Freunden, und einige von uns erinnern sich noch heute an die Abenteuer im Mar Blau.“
Der Club öffnete um halb elf, elf Uhr. Es gab wunderbare Shows und großartige Musiker. Das Orchester von Los Zit spielte zum Tanzen. Berühmte Künstler traten auf: Gina Baró , Dúo Dinámico und ein fantastisches Flamenco-Ensemble – Los Toledanos, erinnert sich Paco.
„Tagsüber habe ich gearbeitet, und ab 22 Uhr habe ich nur noch darauf gewartet, wieder tanzen gehen zu können.“ Wie hat er das geschafft? „Manchmal bin ich mit einem halb geschlossenen Auge zur Arbeit gegangen, aber mittags war ich wieder fit. Heute würde ich keine fünf Minuten durchhalten! Aber damals war das unser täglich Brot.“
Auch in San Antonio gab es Clubs: Ses Savines, La Isla Blanca und andere. „So war das Leben: tagsüber arbeiten, nachts feiern. Und wir haben es geschafft!“
Winter auf Ibiza
Im Winter, wenn die Touristen abgereist waren, kehrte Ruhe ein. Doch die jungen Leute trafen sich im Club Tánit, einem legendären Tanzclub, der sich dort befand, wo heute das Consell Insular steht – gegenüber dem Eingang. „Viele Ehen wurden dort geschlossen“, lacht Paco.
Samstags und sonntags ging es nach Las Vegas, wo ein Orchester spielte – in der Calle del Mar, wo früher das chinesische Restaurant Nadkin war. „Wir zogen durch die Bars, tanzten, und am nächsten Tag ging es wieder an die Arbeit.“
Ein Leben ohne Reue
Heute, mit fast 80 Jahren, blickt Paco Valentín auf ein erfülltes Leben zurück. Er hat die Insel sich wandeln sehen – von der ruhigen, familiären Atmosphäre der Nachkriegszeit zu einem internationalen Touristenmagneten. Er vermisst die Entschleunigung, den Respekt, die persönlichen Beziehungen jener Tage. Doch er ist mit der Gegenwart zufrieden.
„Heutzutage macht jeder sein eigenes Ding“, sagt er philosophisch. „Solange sie dich nicht stören, ist alles in Ordnung.“
Und während die Welt um ihn herum immer digitaler wird, bleibt Paco bei Bleistift und Radiergummi – einem Relikt aus einer Zeit, in der ein Handschlag mehr wert war als ein Vertrag und ein freundliches „Buenos días“ der Beginn einer lebenslangen Freundschaft sein konnte.


Basierend auf einem Interview mit Francisco Romero Juan (Paco Valentín), geboren am 10. März 1946 auf Ibiza, November 2025.
