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Das Licht von La Mola

Santiago Rivas (Santi) • Ein Leben zwischen Himmel und Meer

Inhaltsverzeichnis

Mein Name ist Santiago Rivas. Ich bin Leuchtturmwärter von Ibiza und Formentera. Mein ganzes Leben habe ich in Leuchttürmen verbracht.

Bis ich 16 war, lebte ich im Faro de la Mola auf Formentera – am Ende der Welt, wo das Land aufhört und das Meer zu atmen beginnt. Danach kam San Antonio, dann Covas Blancas. Seit 1996 lebe ich in Botafoch. Aber La Mola war meine Kindheit. Meine erste Stille.

Das letzte Schweigen

Es gab kein Telefon. Kein Internet – natürlich nicht –, aber eben auch kein Telefon. Alles musste mündlich weitergegeben werden. Wollte man mit jemandem sprechen, musste man dorthin gehen. Zu Fuß. Oder später, wenn man Glück hatte, mit dem Fahrrad.

Briefe brauchten eine Woche. Manchmal zwei Wochen. Dann wartete man auf die Antwort. Wieder eine Woche. So lief das ab. So lange dauerte es.

Wenn wir etwas kaufen wollten – zum Beispiel ein Werkzeug oder ein Buch –, sahen wir eine Anzeige in der Zeitung. Wir füllten ein Formular aus, schickten es ab und warteten. Ich weiß nicht mehr, wie wir bezahlt haben. Vielleicht per Überweisung. Aber es dauerte Wochen, bis das Paket ankam.

Heute drückst du einen Knopf. Morgen ist die Sache schon da.

Aber wir brauchten diese Dinge nicht. Wir konnten auf vieles verzichten, was heute unverzichtbar erscheint. Und wir waren – zumindest glaube ich das – genauso glücklich wie die Menschen heute mit all ihrem Besitz.

Der Freund, einen Kilometer entfernt

Mein nächster Freund wohnte fast einen Kilometer entfernt. Als Kind war das weit. Sehr weit. Ich ging zu ihm. Er kam zu mir. Wir spielten.

Wir hatten ein paar Plastikspielzeuge – nicht viele –, aber meistens erfanden wir unsere eigenen Spiele. Wir warfen Steine ​​ins Meer. Stundenlang. Wir beobachteten, wie sie durch die Luft flogen, wie sie das Wasser berührten – erst lautlos aus der Höhe, dann das Platschen, dann die Kreise, die sich ausbreiteten und verschwanden. Jeder Stein eine kleine Geschichte. Jeder Wurf ein Ereignis.

Das Meer hatte immer Zeit. Wir auch.

Wir saßen nicht den ganzen Tag vor Bildschirmen. Das konnten wir gar nicht. Wir mussten unsere Fantasie nutzen. Sonst wäre uns langweilig geworden. Als Kind langweilt man sich schnell – man braucht Bewegung, Aktivität. Aber wir hatten das Meer. Wir hatten den Himmel. Nachts die Sterne, so klar, dass man sie fast greifen konnte. Tagsüber das grenzenlose Blau.

Das Fahrrad machte alles einfacher. Plötzlich war der Kilometer kein Problem mehr.

Das Schiff aus Marseille

Da war ein Schiff. Ein großes Schiff, das einmal wöchentlich vorbeifuhr. Die meisten Schiffe fuhren nicht so nah an La Mola vorbei – es gab keinen Grund dazu. Aber dieses Schiff, die Masalia aus Marseille, kam regelmäßig. Immer zur selben Zeit.

Wir haben darauf gewartet.

Wir hatten die offizielle Leuchtturmflagge. Sie war an einer langen Stange befestigt. Als die Masalia kam, rannten wir zum Rand der Klippe. Der Wind riss an der Flagge, an unseren Haaren, an unseren Hemden. Wir schwenkten sie. Wild. Mit beiden Armen.

Und das Schiff antwortete.

Das Horn. Laut. Lang. Ein Klang, der über das Wasser trug und gegen die Felsen krachte. Ein Gruß aus der weiten Welt, der zu uns kam und wieder zurückkehrte.

Für uns war das fantastisch. Das war Kommunikation. Das war Verbundenheit. Ein Schiff aus Frankreich hieß uns willkommen. Wir waren nicht vergessen. Wir waren Teil von etwas Größerem.

Es gab nicht viel anderes zu tun. Aber das genügte.

Fremde kommen, Fremde gehen

Dann kamen sie. Fremde mit langen Haaren, bunter Kleidung, anderen Ansichten. Die Hippies. Sie mieteten die alten Häuser – halb verfallen – für wenig Geld. Sie brachten Geld und eine neue Lebensweise mit. Manche Einheimische mochten sie. Andere nicht. Aber es gab keine größeren Konflikte. Sie waren nur auf der Durchreise. Gäste. Die Insel blieb, was sie war.

Später kam der Tourismus. Richtig. In Scharen. Die Menschen, die ich kannte – die Bauern, die Fischer – veränderten sich. Plötzlich Restaurants. Wohnungen. Geld. Die Insel veränderte sich mit ihnen.

Doch der Leuchtturm blieb stehen. Das Licht blieb.

Das Licht

Nachts, wenn der Leuchtturm sein Licht einschaltet, wirft er lange Schatten auf das Wasser. Vier Sekunden Licht. Vier Sekunden Dunkelheit. Vier Sekunden Licht. Ein Rhythmus, älter als die Stille meiner Kindheit.

Das Licht warnt. Das Licht weist den Weg. Das Licht sagt: Hier sind die Felsen. Hier ist das Land. Hier bist du sicher.

Schiffe brauchen heute GPS, Satelliten und Computer. Sie benötigen nicht mehr das Licht wie früher. Doch es brennt trotzdem. Aus Tradition, aus Sicherheitsgründen und aus Respekt vor denen, die sich noch immer daran orientieren.

Ich habe mein Leben zwischen Licht und Dunkelheit verbracht. Zwischen Land und Meer. Zwischen Stille und Lärm. Und das Licht dreht sich weiter. Jede Nacht. Ohne zu fragen, ob mich jemand beobachtet.

Es ist einfach da.

Zwischen den Zeiten

Heute wohne ich in Botafoch. Ein anderer Leuchtturm. Näher an der Stadt. Näher am Lärm. Ich bin älter geworden. Ich habe viele Veränderungen miterlebt. Viele Wandlungen.

Die jungen Leute von heute – manchmal verstehe ich sie einfach nicht. Sie sitzen ständig vor Bildschirmen. Ständig online. Aber sind sie wirklich verbunden? Oder einfach nur allein miteinander?

Wir mussten aktiv auf die Leute zugehen, um mit ihnen zu sprechen. Einen Kilometer laufen. Briefe schreiben. Wochenlang warten. Das war mühsam. Aber es war echt. Wenn jemand sagte: „Ich komme morgen“, dann kam er. Oder er kam nicht, und man wusste: Irgendetwas war passiert.

Heutzutage geht alles sofort. Aber ist es deshalb besser?

Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach nur alt. Vielleicht denke ich wie jede Generation: Die Jugend macht alles falsch. Aber dann werden sie alt und denken dasselbe über die nächste Generation.

Vielleicht ist das der Zyklus. Wie das Licht. Vier Sekunden hell. Vier Sekunden dunkel.

Was übrig bleibt

Wenn ich an La Mola zurückdenke – an die Klippe, den Wind, die Flagge, das Schiff aus Marseille – dann denke ich: Wir hatten wenig. Aber wir hatten genug.

Das Meer war immer da. Die Sterne waren immer da. Der Freund, einen Kilometer entfernt, war da. Das Schiff grüßte zurück.

Das genügte.

Die Insel hat sich verändert. Die Menschen haben sich verändert. Doch das Licht dreht sich weiter. Jede Nacht. Vier Sekunden. Vier Sekunden. Vier Sekunden.

Ein Rhythmus, der bleibt, wenn alles andere vergeht.

Das ist mein Leben. Das Licht zwischen Himmel und Meer.


Santiago Rivas, Leuchtturmwärter, lebt und arbeitet seit 1996 im Leuchtturm von Botafoch. Seine Kindheit verbrachte er im Faro de la Mola auf Formentera – am letzten ruhigen Ort, bevor die Welt laut wurde.

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