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Er schneidet seit 40 Jahren Haare. Er will kein Smartphone. Und er glaubt, dass Freiheit das Einzige ist, was zählt.
Barbería Paco Navarro liegt in einer Seitenstraße, die von Touristen gemieden wird. Kein Instagram-Schild, kein hippes Interieur. Nur ein Schaufenster mit vergilbten Fotos und ein Mann, der aussieht, als hätte er Geschichten zu erzählen.
Das tut er.
Paco kam 1976 mit vier Freunden aus Baza in Andalusien nach Ibiza – ohne Plan. Heute leben nur noch zwei von ihnen auf der Insel. Einer baut Häuser, Paco ist Friseur.
Dazwischen liegen fünfzig Jahre, in denen er alles tat, was Ibiza damals zu bieten hatte: Kleidung entwerfen, Mickey-Mouse-T-Shirts nähen, Pareos verkaufen. Haare schneiden in Strandbars – Waikiki, Q Beach, Las Palmeras, Salinas. Namen, die heute nur noch Einheimische kennen.
„Wir haben alles miteinander kombiniert“, sagt er. „Tagsüber Haareschneiden im Sand, abends Kleidung nähen. So hat man damals überlebt.“
Die Achtziger: 24 Stunden am Tag
Dann kam die Mehrwertsteuer. Sechs Prozent, aber genug, um die Strandgeschäfte unmöglich zu machen. Der Fiskus wollte die Kontrolle. Also musste Paco in richtige Räumlichkeiten umziehen.
Er eröffnete die erste Friseurschule der Insel – IBEPSA – in der Avenida España. Dreieinhalb Jahre lang. Dann hatte er genug davon, anderen vorzuschreiben, was sie zu tun hatten.
„Ich lasse mir nicht gern vorschreiben, was ich zu tun habe“, sagt er. „Ich fühle mich dadurch ausgenutzt.“
Also machte er sein eigenes Ding.
Daneben: drei, vier Bars in Nachtclubs. Eine davon im Pacha. Das war in den Achtzigern normal – tagsüber Friseur, nachts hinter der Bar. 24 Stunden arbeiten, weil Ibiza es von einem verlangte.
„Heutzutage wird Wohnraum kriminalisiert, weil er so teuer ist“, sagt Paco. „Aber in den Achtzigern war es genau dasselbe. Ibiza war schon immer teuer. Man muss sich den Gegebenheiten der Insel anpassen.“
Freiheit oder nichts
Paco nimmt keine Online-Buchungen an. Kein Reservierungssystem, keine App. Man kann einfach vorbeikommen.
„Ich will nicht von Technologie abhängig sein“, sagt er. „Für mich bedeutet Technologie, seine Freiheit zu verlieren.“
Er arbeitet allein. Seit fast 40 Jahren. Seine Kunden sind mit ihm alt geworden – manche kommen seit 35 Jahren, andere sind über 90. Loyalität sei in diesem Geschäft anders als anderswo, sagt er. Hat man einmal das Vertrauen eines Kunden gewonnen, bleibt es bestehen.
Einer seiner Stammgäste war Miguel Costa. Ein anderer war Pepe Reina, der Torwart der spanischen Nationalmannschaft. Die Fotos hängen an der Wand, zwischen Bildern von Motorrädern und vergilbten Zeitungsausschnitten.
Ducati, Harley, Kalifornien
Paco besaß schon viele Motorräder. Eine Ducati, eine Honda Fireblade, eine VFR, diverse Harleys. Heute schwärmt er von der Moto Guzzi California – jener goldenen Maschine, die die amerikanische Polizei in den Siebzigern fuhr.
„Das Motorradfahren gibt mir die größte spirituelle Erfüllung“, sagt er. Und bevor das kitschig klingt, fügt er hinzu: „Es gibt kein Leben ohne spirituelle Verbindung. Wenn man spirituell verbunden ist, findet man inneren Frieden.“
Das klingt nicht nach Mystik, sondern nach Erfahrung, wenn man bedenkt, dass der Mann die Hälfte seines Lebens in Nachtclubs verbracht hat.
Die Vorfahren
An der Wand hängen Fotografien, die älter sind als alles andere im Raum. Barbiere in weißen Kitteln, steife Posen, Spanien vor dem Bürgerkrieg.
„Das war ein Großonkel“, erklärt Paco. „Er musste wegen des Krieges emigrieren. Nach Frankreich, nach Amsterdam. Ein Verwandter schickte mir diese Fotos vor 40 Jahren. Sie gingen in Spanien viral – es gab nicht viele Bilder aus dieser Zeit.“
Das Barbierhandwerk liegt in der Familie. Doch Paco hat es auf seine eigene Weise weitergeführt – nicht mit weißem Kittel und steifer Pose, sondern mit langen Haaren, Motorrädern und einer Philosophie, die sich in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt:
„Ibiza bedeutet Freiheit. Wenn man auf Ibiza nicht das tun kann, was man will, hat es keinen Sinn, hier zu leben. Dann sollte man besser woanders hingehen.“

Heute
Paco wird diesen Monat 65. Er ist seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Seine beiden Töchter haben im Ausland studiert – eine arbeitet jetzt in der Personalabteilung bei Vilas, die andere schließt gerade ihr Studium ab.
Und er? Er steht jeden Tag in seinem Laden, schneidet Haare und unterhält sich mit den Leuten. Manchmal schaut ein alter Freund vom Oldtimer-Motorradclub vorbei. Manchmal ein Tourist, der sich verirrt hat. Manchmal jemand, der einfach nur einen Haarschnitt braucht.
„Vilas ist für mich ein kreatives Zentrum“, sagt er über die Insel. „Viel Licht, viele verschiedene Menschen aus aller Welt. Man tankt positive Energie auf. Die Energie steigt immer an.“
Dann wird er ernst.
„Aber ich bin gegen die Investmentfonds, die Ibiza ruinieren. Sie verarmen die Ibizenker. Denn Dinge haben keinen Wert. Der einzige Wert ist dein innerer Frieden und dein Glück. Das ist das Einzige, was wirklich zählt.“

Während wir uns unterhalten, klingelt das Telefon. Ein Stammgast namens Flavio möchte um halb sechs kommen. Paco stimmt zu, legt auf und macht weiter, als wäre nichts geschehen.
So läuft das hier. Seit 1976.
Keine App. Keine Online-Buchung. Nur ein Mann, eine Schere und fünfzig Jahre voller Geschichten.
Barbería Paco Navarro.
Ibiza-Stadt. C/. Pere Fracès, 16, 07800 Ibiza.
+34 971 316 421 oder kommen Sie einfach vorbei.
Text: Ibiza Voices Interview: Januar 2026