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Es war das Jahr 1962, als ein junger Priester namens José Rivas Riera in Cala de San Vicente ankam. Die Straße von San Juan war noch nicht asphaltiert – das sollte erst 1963 geschehen. Damals erreichte man die Cala über staubige Karrenwege, die kaum breit genug für Pferd und Wagen waren. Die Küstenbewohner reisten über San Carlos, die Bewohner des Landesinneren über San Juan. Viele legten die sechs Kilometer zu Fuß zurück.
In dieser abgelegenen Bucht steckte der Tourismus noch in den Kinderschuhen. Zwei Hotels und Punta Grossa entstanden – belgische und schwedische Investoren hatten die außergewöhnliche Schönheit dieses Ortes erkannt. Doch alle standen vor einem entscheidenden Problem: Es gab keinen Strom.
Der junge Priester war nicht nur ein Geistlicher, sondern jemand, der etwas bewegen konnte und wusste, wie man Dinge in die Tat umsetzt. Das Rathaus von San Juan betraute ihn mit einer Mission, die Jahre dauern sollte: Er sollte nach Mallorca reisen und verhandeln, um die Elektrifizierung von Cala zu erreichen.
Zwei Jahre lang dauerte dieser Kampf an. Reise um Reise, Diskussionen, manchmal auch Streit. Doch der Priester gab nicht auf. Schließlich wurde eine Einigung erzielt: Punta Grossa und die Hotels zahlten ihren Anteil, und da es sich um ein offizielles Projekt der Stadtverwaltung handelte, gab es einen Rabatt von 20 Prozent.
Mit dem überschüssigen Geld, das der Stromversorger GESA nicht benötigte, wurden Transformatoren für das gesamte Dorf gebaut. So gelangte das Licht nicht nur in die Hotels, sondern auch zu den Einwohnern von Cala de San Vicente – ein Triumph der Gemeinschaft über die Isolation.
Leben in Isolation
Ibizas lange Isolation hatte Bräuche bewahrt, die andernorts längst verschwunden waren. Eines der deutlichsten Beispiele war die traditionelle Aufteilung des Familienbesitzes. Der Haupterbe – in der Regel der älteste Sohn – erhielt die Hälfte des Besitzes und zusätzlich einen anteiligen Anteil an der anderen Hälfte, den er sich mit seinen Geschwistern teilte. Bei kleineren Besitztümern entschädigte der Erbe seine Geschwister oft mit Geld; bei größeren Besitztümern wurde das Land selbst aufgeteilt. Dieses Vorgehen sicherte dem Erben einen funktionierenden Kern für die Landwirtschaft und anerkannte gleichzeitig die Ansprüche der anderen Kinder auf einen Teil des Familienvermögens.
Die Bodenqualität prägte die Entwicklung auf heute paradoxe Weise. Der Erbe erhielt in der Regel die besten landwirtschaftlichen Flächen – tiefgründige Böden fernab von Salzsprühnebel –, da dort der Lebensunterhalt und das Einkommen gesichert wurden. Geschwister bekamen oft felsige Küstenabschnitte, die sich schlecht für den Ackerbau eigneten und über Generationen als wenig nützlich galten. Mit dem Zuzug von Fremden, die Meerblick und Strandzugang schätzten, wurden diese einst wertlosen Landstreifen begehrt und in manchen Fällen sogar wertvoller als der ursprüngliche Hof.
Für die Einheimischen war die Küste eher ein Arbeitshafen als ein Erholungsgebiet. Man nannte sie „Esport“, und die Anreise mit dem Boot nach Ibiza-Stadt war oft einfacher als über Land. Das Meer flößte Respekt und Vorsicht ein: Viele Fischer konnten nicht schwimmen, und Stürme machten das Leben an der Küste ebenso gefährlich wie schön.
Das Leben vor dem Tourismus
Vor dem Aufkommen des Tourismus lebte Ibiza von Landwirtschaft und Fischerei. Die Haupteinnahmequelle war der Anbau von Mandeln und Johannisbrot – diese Produkte wurden exportiert und brachten den Lebensunterhalt. Mandeln erzielten besonders hohe Preise, und Schiffe kamen, um sie abzuholen.
Die Menschen waren weitgehend Selbstversorger. Jede Familie produzierte, was sie brauchte: Wein, Olivenöl, sogar Tabak. Der berühmte „Tabaco Pota“ – ein spezieller ibizenkischer Tabak, der angeblich scheußlich roch, aber hervorragend schmeckte. Er wurde in großen Rollen von etwa 50 Zentimetern Länge und 20 Zentimetern Dicke hergestellt, und jeden Tag schnitt man sich mit einem Messer die benötigte Menge ab. Studenten aus Ibiza sollen ganze Bars in Madrid leergeräumt haben, als sie ihre selbstgedrehten Zigaretten anzündeten – alle Gäste flohen vor dem stechenden Geruch.
Schafe und Ziegen waren eine weitere wichtige Einnahmequelle. Die Lämmer wurden nach Ibiza-Stadt verkauft, wo es keine Viehzucht gab. Aus der Milch wurde Käse hergestellt – ein ausgezeichneter ibizenkischer Käse, der zusammen mit frischen Feigen, Brot und Olivenöl eine typische Mahlzeit bildete. Jede Familie hielt Schweine für den Eigenbedarf. Die Feigen wurden getrocknet und hielten sich so über den Winter.
Die Menschen kauften nur das Nötigste: Schuhe – denn sie stellten ihre Espartogras-Sandalen selbst her, deren Sohlen mit Teer verstärkt waren –, Hemden und Hosen. Die Frauen nähten ihre Kleidung selbst, sogar die traditionellen Mantones. Es war eine autarke Gesellschaft, in der jeder zu überleben wusste.
Vor der Elektrifizierung beleuchteten die Menschen ihre Häuser mit Quinqués oder einfachen Öllampen – oft mit bereits verwendetem Speiseöl, in das ein Docht getaucht wurde. Recycling war keine moderne Erfindung, sondern schlichte Notwendigkeit. Um sich im Dunkeln zurechtzufinden, benutzten sie „es fasté“ – Streifen aus Wacholderbaumrinde, die angezündet wurden. Sie brannten nicht flammend, sondern glühten, und wenn man sie schwang, spendeten sie genug Licht für den Heimweg.
Don Pepe – Der Priester mit dem weißen Haar
Das Ordensleben spiegelte den Pragmatismus der Insel wider. Der Priester, liebevoll „Don Pepe“ oder in der lokalen Variante „Moseña“ genannt, bleibt als fleißiger Gelehrter und zugleich als vielschichtige Figur in der Diözesanpolitik in Erinnerung. Nach Studien bei Jesuiten und dem Wunsch, sein Studium in Rom fortzusetzen, wurde er zurück nach Ibiza berufen und zeitweise in einer der abgelegensten Buchten stationiert.
Anfängliche Missverständnisse mit einem Bischof wichen gegenseitigem Respekt, und er wurde für seine Kompetenz und Integrität bekannt. Als ein Theologe, der für mehrere Pfarreien zuständig war, eine Universitätsstelle annahm, bat die Gemeinde Don Pepe, als Pfarrer zurückzukehren, und er tat es.
Die Bindungen waren tief: Er leitete Beerdigungen langjähriger Freunde, besuchte Familien und scherzte sogar mit Kindern, die ihm vergnügt die weißen Haare ausrissen und dafür Münzen bekamen. Seine Ankunft in Cala im Jahr 1962 markierte nicht nur den Beginn seiner priesterlichen Tätigkeit dort, sondern auch den Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit dem Dorf.
Der Lehrer und die Schule
1972 kam Valentín Prats Rincón – gegen seinen Willen – als Lehrer nach Cala de San Vicente. Er hatte ein Stipendium für Frankreich erhalten, und während seines zweimonatigen Aufenthalts dort wurde er in seiner Abwesenheit nach Ibiza versetzt. Viele seiner Kollegen hatten Formentera vorgezogen. Als er an einem Freitag ankam und zum ersten Mal die Straße von San Juan entlangfuhr, dachte er: „Das gefällt mir. Diese Landschaft ist wunderschön.“
Er kam ins Café – den gesellschaftlichen Mittelpunkt des Dorfes – und fragte nach dem Pfarrer. Die Kinder führten ihn zur Kirche und zur darüberliegenden Schule. Don Pepes Begrüßung war wie immer direkt: keine Förmlichkeiten, kein „Das ist Ihr Zuhause“. Einfach nur: „Was brauchen Sie?“
Von diesem Moment an waren die beiden unzertrennlich – der Priester und der Lehrer, die beiden Intellektuellen in einem Dorf von Bauern und Fischern.
Die Schule selbst war eine bemerkenswerte Geschichte. Bis dahin hatte der Unterricht in Privathäusern stattgefunden. Ein valencianischer Lehrer hatte den Eltern gesagt: „Wenn ihr wollt, dass Lehrer kommen und bleiben, müsst ihr eine Schule mit Unterkünften bauen.“ Die Gemeinde Cala hatte trotz ihrer Abgeschiedenheit einen ganz besonderen Charakter – die Kinder des Leuchtturmwärters, des Priesters und die Kinder aus San Juan gingen alle zur Schule; den Familien war Bildung sehr wichtig.
So machten sie sich an die Arbeit. Das ganze Dorf half mit: Einige zahlten Geld, andere transportierten Baumaterialien mit ihren Karren, wieder andere stellten Balken zur Verfügung. Sie gründeten einen Verein namens „El Progreso“, der bis heute Eigentümer des Gebäudes ist. Die Schule wurde zur Hälfte als Unterkunft und zur Hälfte als Klassenzimmer errichtet – allerdings nur für Jungen, da Mädchen damals noch separat in Privathäusern unterrichtet wurden.
Valentín war der letzte Lehrer an dieser Schule. Von 1976 bis 1977 besuchten alle Kinder die Schule in San Juan. Heute ist das Gebäude ein „Campo de Aprendizaje“ – ein Lerncamp, in dem Kinder die Natur entdecken. Es wird von Eva, Valentíns Tochter, geleitet, die ebenfalls Lehrerin wurde.
Das Café – Das zweite Herz des Dorfes
Neben der Kirche und der Schule war das Café der einzige öffentliche Treffpunkt. Pepe del Café und seine Familie betrieben nicht nur die Dorfkneipe, sondern auch einen kleinen Laden, einen Tabakwarenladen und die Poststelle. Es war der Ort, an dem sich alle trafen, Karten gespielt und Neuigkeiten ausgetauscht wurden.
In den 1990er-Jahren gingen hier Schriftsteller, Künstler und Politiker ein und aus – oft unerkannt oder einfach in Ruhe gelassen. Ein niederländischer Künstler mit breitkrempigem Hut stellte eine Schreibmaschine im Innenhof auf. Ein deutscher Politiker schaute inkognito auf einen Kaffee vorbei. Berühmtheit war weniger wichtig als gute Nachbarschaft; Besucher wurden in erster Linie als Menschen behandelt.
Heute wird das Lokal von einem Urenkel des Gründers geführt – er heiratete eine Thailänderin und wandelte es in ein thailändisches Restaurant um. Doch im Inneren ist alles so geblieben wie eh und je, ein lebendiges Denkmal der Dorfgeschichte.
Die Familie hat sogar darüber nachgedacht, eine Geschichte des Cafés zu schreiben – ein passendes Projekt für einen Ort, an dem alltägliche Gespräche die miteinander verwobenen Geschichten der Insel über Land, Glauben und Arbeit am Leben hielten.
Die besondere Gemeinschaft
Cala de San Vicente war aufgrund seiner Abgeschiedenheit ein Dorf mit besonderem Zusammenhalt. Als nach dem Spanischen Bürgerkrieg, der auch hier seine Spuren hinterlassen hatte, der Frieden zurückkehrte, entschied sich die Gemeinschaft bewusst für die Versöhnung. Wie Valentín sich erinnert, war es ein fast irrationaler Gedanke: „Wir müssen weiterleben, und wir müssen in Frieden leben.“ Und so geschah es. Als er 1972 ankam, hätte er ohne die Erzählungen nie erraten, was geschehen war. Alle gingen zur Messe, alle sahen gemeinsam Fußball, alle nahmen an Prozessionen teil.
Diese Einigkeit zeigte sich auch im Alltag: Wenn jemand sagte: „Das sollten wir tun“, dann taten sie es gemeinsam. Das Fest des Heiligen Antonius im Januar wurde mit einer Paella gefeiert, früher am Strand, später im Club.
Die Isolation hatte auch eine unerwartete Folge: Früher gab es oft neun Kinder pro Familie. Das Land reichte nur für einen Erben; die anderen mussten auswandern. Heute ist die Bevölkerung kleiner, aber die Menschen bleiben, denn es gibt Restaurants, Geschäfte und Arbeit. Man muss nicht mehr weg.
Ein Dorf im Wandel
Als José Rivas Riera 1962 ankam, gab es in San Antonio, Santa Eulalia, San Juan und San Miguel noch keine asphaltierten Straßen. Er war damals 25 Jahre alt. Heute ist er 87 und hat den kompletten Wandel miterlebt – von Karrenwegen zu asphaltierten Straßen, von Öllampen zu elektrischem Licht, vom autarken Dorf zum Touristenort.
Doch trotz all der Veränderungen ist etwas geblieben: der besondere Geist von Cala, wo die Menschen zusammenhalten, wo ein Priester fragt: „Was brauchen Sie?“, anstatt Höflichkeiten auszutauschen, wo ein Café über Generationen hinweg das Herzstück des Dorfes bleibt.
José und Valentín wurden beide im Jahr 1937 geboren. Seit über 50 Jahren sind sie unzertrennliche Freunde und Chronisten einer Ära, in der sich Ibiza von Grund auf wandelte – aber nie seinen Kern verlor.
Diese Geschichte basiert auf einem Interview mit José Rivas Riera (Priester) und Valentín Prats Rincón (Lehrer), beide Jahrgang 1937, aufgezeichnet in Cala de San Vicente, November 2025.